Albrecht-Dürer-Stadt-Nürnberg

Stadt Nürnberg

Adam und Eva 1507/2007 – Dürer sucht das Supermodel

14. Juli bis 5. August 2007
Hauptmarkt Nürnberg

Zur Konzeption der Ausstellung

Adam und Eva

Adam und Eva, Albrecht Dürer, 1507

Albrecht Dürer: Adam und Eva, 1507,
© Museo Nacional del Prado

Als „Krone der Schöpfung“ wurden sie am sechsten Tag von Gott „nach seinem Ebenbild“ erschaffen: „Beide, Adam und seine Frau, waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander“ (Gen 2,24). Dann aßen sie vom verbotenen Baum der Erkenntnis: „Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten sich Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz“ (Gen 3, 7). Es folgte die Vertreibung aus dem Paradies.

Schon immer dienten die Bilder von Adam und Eva der Darstellung des nackten Menschen, als isolierte monumentale Bilder etwa seit dem Genter Altar der Brüder van Eyck um 1430. In vielen dieser spätmittelalterlichen Werke ging es den Künstlern bereits darum, ihre Fähigkeiten der Darstellung menschlicher Schönheit nach der Natur und dem Vorbild antiker Kunst unter Beweis zu stellen. Dürers Gemälde stellen fraglos den Höhepunkt solcher Aktstudien am Beispiel des ersten Menschenpaares dar.

Die beiden Tafeln und der drei Jahre zuvor entstandene Kupferstich bilden die Summe von Dürers früher Beschäftigung mit Schönheit und der Proportionierung klassisch schöner Körper – in Anlehnung an antike Bildwerke des Apoll vom Belvedere und der Venus Medici. Der Stich von 1504 und die beiden Gemäldetafeln von 1507 sind ehrgeizige Prestigeprojekte, die an Raffinesse alles bisherige übertreffen.

Das Gemäldepaar entstand laut Signatur im Jahr 1507. Als Bildträger benutzte Dürer das von ihm ansonsten nur sehr selten verwendete Eichenholz; beide Tafeln messen rund 210 x 80 cm. Die vorbereitende Unterzeichnung, die in ihrer Akribie an das ambitionierte Münchner Selbstbildnis von 1500 erinnert, ist sehr aufwendig. Sie macht neben der delikaten Maltechnik deutlich, mit welch hohem Anspruch Dürer sein Werk geplant und ausgeführt hat. Das künstlerische Ziel war die Darstellung idealer, unübertreffbarer Schönheit.

Zeitgenössische Urteile bestätigen, dass die von Dürer beabsichtigte Wirkung ihr Ziel erreichte: Alle Äußerungen zu den beiden Adam- und Eva-Tafeln seit etwa 1520 heben die Wohlgestalt des ersten Menschenpaares hervor, die Dürer wie lebendig gemalt habe. Am deutlichsten wird der Humanist Caspar Ursinus Velius 1522: Es scheine fast, als habe Dürer mit Gott, dem Schöpfer des ersten Menschenpaares, im Wettstreit gestanden. Im Rahmen seines Lobgedichts wird jedoch auch der erotische Aspekt der Darstellung deutlich: „Mit seiner Gestalt ergreift andere Männer und Frauen der wunderschöne Adam. Fürwahr, warum soll ich es verhehlen? Mich fesselt Eva mehr.“ Auch später wird die erotische Irritation angesprochen, die von den Tafeln ausgeht: So schreibt ein gelehrter Betrachter des 17. Jahrhunderts, dass man nicht so recht wisse, ob man stehen bleiben solle (um zu genießen), oder ob man züchtig den Blick abwenden und weitergehen solle.


Dürers Suche nach der Schönheit

Seit den Jahren um 1500 beschäftigt sich Dürer intensiv mit Fragen der Schönheit und Proportion. Er beginnt mit der Darstellung des nackten Menschen mittels geometrischer Konstruktionsverfahren: Nach mittelalterlichem Verständnis liegt die Schönheit im harmonischen Verhältnis der Teile zueinander verborgen. Durch die von Gott erschaffene Harmonie der Sphären entsteht ein Wohlklang – in der Musik etwa durch den harmonischen Klang der maßgerechten Teile eines Akkords. Diesem Wohlklang harmonischer Gesetzmäßigkeiten ist Dürer in Bezug auf den menschlichen Körper sein restliches Leben auf der Spur. Über geometrische und arithmetische Verfahren versucht er, einen ideal schönen Körper zu berechnen und den Gesetzmäßigkeiten und Normierungen von Schönheit auf die Spur zu kommen. Auf tausenden von Skizzen- und Notizblättern hält er seine Erkenntnisse fest, die kurz vor seinem Tod in sein wichtigstes theoretisches Werk, die „Vier Bücher von menschlicher Proportion“ münden (erschienen am 31. Okt. 1528; Dürer war am 6. April 1528 gestorben). Sie waren das Resultat einer über dreißigjährigen Beschäftigung, sind später in vielen Übersetzungen neu aufgelegt worden und entfalteten eine große Wirkung von Italien über Spanien bis nach England.

Im Laufe dieser unermüdlichen Studien kam Dürer um etwa 1510 zum Ergebnis, dass das Ziel seiner Suche nicht in der idealen, absoluten Schönheit liege, die sich etwa durch Auswahl des Besten im Großen wie Kleinen ermitteln lasse. Vielmehr gehe es in der Ästhetik darum, in jedem einzelnen Körper die ihm innewohnenden Grade von Schönheit und Hässlichkeit zu entdecken und den dicken, dünnen, langen, kurzen, alten und jungen Körper auf Regelhaftigkeit zu untersuchen und in der Summe seiner schönen wie hässlichen Elemente adäquat darzustellen. Dürer bleibt in der Bezeichnung und Charakterisierung der verschiedenen, von ihm konstruierten Körper jedoch sehr gnädig: Er spricht nur vom Verhältnis des Kopfs zum Körper und unterscheidet den „Mann von sieben Kopflängen Körperhöhe“ von der Achtkopf-Frau usw., ohne diese Typen besonders auszuzeichnen oder ästhetisch zu bewerten. In Zeiten einer Heidi Klum und nach dem Urteil unserer heutigen Schönheitsrichter hätte wohl nur der ideale Achtkopf-Körper eine Chance auf Erfolg, wie ihn schon der antike Autor Vitruv als perfekt postuliert hatte: Unsere Vorstellungen von Schönheit haben tiefe Wurzeln, die bis in die Antike zurück reichen.


Schönheit 1507/2007

Damit sind die bestimmenden Elemente der Ausstellungskonzeption angesprochen: Die dürerzeitliche und die heutige Suche nach der Schönheit sowie das Ringen um deren Normen und Gesetzmäßigkeiten. Der Gegensatz zwischen einer die Natur übertreffenden Idealvorstellung und der Realität der launischen Natur in Sachen Schönheit hat nicht nur Dürer beschäftigt, sondern ist auch heute ein zentrales Thema unserer auf Image und äußeren Schein getrimmten Gesellschaft. Deutschland sucht das Supermodel und wird gleichzeitig mit den schockierenden Auswirkungen des weltweiten Diktats der schlanken Linie in Form von Magersucht und Bulimie konfrontiert. Modeschöpfer und Werbung setzen mit manipulierten Bildern übernatürliche Maßstäbe idealer Körperformen oder erzielen mit den marktbewusst eingesetzten Gegenmodellen der „Molligen“ und „Alten“ neue Aufmerksamkeit und wirtschaftlichen Gewinn.

Idealdiät, Fitnessprogramm, Bodymaß-Index oder die alten Idealmaße von 90-60-90 sind nur einige Stichworte der ewig aktuellen Diskussion um den schönen Körper in auflagestarken Illustrierten und anderen Medien. Die Normierung, Klassifizierung und Bewertung von Linie, Form und Gewicht führt bereits in Kindergarten und Grundschule zu beklagenswerten Auswüchsen und Ausgrenzungen. Mit dem Beginn der Badesaison wird die Frage nach dem idealen Körper und die Taxierung der unterschiedlichen Typen zum jährlich elementaren Selbstbestimmungstest: Zu welcher Gruppe gehöre ich? Was zeige ich? Was ändere ich? Was verberge ich?

Dürers „Adam und Eva“ und seine Suche nach der Schönheit sind uns folglich sehr viel näher als wir zunächst vermuten würden. Dürers Suche nach der Schönheit ist deshalb nicht nur ein Thema für das Museum, sondern ebenso für die Straße und den Marktplatz. Die Fragen und Vorstellungen von 1507 und 2007 begegnen sich und entzünden einen Dialog: Wen würde Dürer heute als Modelle für seine Schönheitsideale wählen? Mit welchen Mitteln würde er seine Proportionsstudien und -experimente heute durchführen? Wie lässt sich Schönheit definieren? Welche Normierungen sind zeitlos gültig?

Von Dürers letzten Proportionsstudien, im vierten Buch seiner Proportionslehre, ist es nur noch ein kleiner Schritt zu unseren aktuellen Untersuchungstechniken und Darstellungsmöglichkeiten. Dürer wollte den menschlichen Körper dreidimensional und in Bewegung darstellen: Dazu legte er Schnitte durch den Körper, die an die Methode der Computertomographie erinnern. Hätte Dürer die elektronische Datenverarbeitung und ihre Bildgebungsverfahren zur Verfügung gehabt, hätte er den Menschen sicherlich nicht mit tausenden von Skizzen- und Studienblättern, sondern mit dem „Rechner“ vermessen und konstruiert. Seine Holzschnittillustrationen schlagen verblüffende Brücken zu CAD-Konstruktionsverfahren (Computer-Aided-Design) und zu bewegten Visualisierungen von Objekten und Körpern oder zu Konstruktionen von „Digital-Beautys“. Auch hierin ist uns Dürer sehr viel näher, als wir vermuten würden. Doch machen die heutigen Möglichkeiten der Körperveränderung und Schönheitserzeugung bekanntlich nicht mehr auf dem Reißbrett oder bei der Computer-Animation Halt. Mittels Schönheitsoperationen und gentechnologischen Eingriffen sind wir zunehmend auch medizinisch in der Lage, die Natur selbst zu verändern: Geriet Dürer als Maler in Wettstreit mit dem Schöpfer, treten wir heute medizinisch gegen die „Mängel“ von Natur und Schöpfung an.


Ausstellung auf dem Marktplatz

In der unmittelbaren Konfrontation Dürers mit der Gegenwart will die Ausstellung den Passanten auf der Strasse ansprechen und ihn in die kritische Auseinandersetzung mit Schönheit und Idealmaß verwickeln. Es zeigt sich dabei, wie aktuell der berühmteste Künstler Nürnbergs nach wie vor ist, und dass alte Kunst weder lebensfremd noch allein dem Bildungsbürger im Museum vorbehalten bleiben muss: Dürers Werke haben uns alle etwas zu sagen. Lebendig und spannend, wissenschaftlich seriös und unterhaltend, in der Verbindung des Vergnügens und Nutzens im Sinne des Horaz-Sprichworts „delectare et prodesse“ sollen die unterschiedlichsten Besucher dem Dürer-Laufsteg etwas für ihre eigene Beschäftigung mit der Schönheit abgewinnen können.

Die Präsentation besteht aus einem vierzig Meter langen, roten Laufsteg, der diagonal über Nürnbergs größten Marktplatz verläuft. Zunächst betritt der Besucher den leeren Steg und kann sich dort in die Welt der Models und Modeschauen hineinversetzen. Nach ungefähr zehn Metern kommt er zu einem minzegrünen Tor, das von den lässig sich anlehnenden „Adam“ und „Eva“ flankiert wird. Jenseits dieser Paradiespforte beginnt auf dem restlichen Laufsteg ein Parcours aus übermannshohen Bildtafeln, die Dürers Arbeiten, seine Vorstudien zu „Adam und Eva“, aber auch seine Proportionszeichnungen mit heutigen Bildern von Top-Modells, CAD-Animationen oder den Markierungen für Schönheitsoperationen kontrastieren. Die Präsentation schließt mit dem Bild der Doppelhelix der DNA als Hinweis auf unsere gentechnologischen Möglichkeiten der Manipulation der Natur.

Schließt sich damit der Kreis zu Adam und Eva als Krönung der Schöpfung, zum Sündenfall und zur Vertreibung aus dem Paradies? Ist der Bogen zu weit gespannt? Träumen wir mit den Möglichkeiten der plastischen Chirurgie und der Gentechnik nicht den gleichen Traum vom Idealschönen, dem Dürer mit seinen Adam- und Eva-Tafeln verfallen war?

Bildergalerie vom Laufsteg auf dem Hauptmarkt

Alle Fotos von Claus Felix