Albrecht-Dürer-Stadt-Nürnberg

Stadt Nürnberg

Die Nachbarn

In Zusammenarbeit mit dem Germanischen Museum wurden sieben Nachbarn stellvertretend für vielen Bewohner des Burgviertels ausgewählt. Wichtig für die Auswahl waren belegbare Quellen, die das Verhältnis zwischen Albrecht Dürer und dem jeweiligen Nachbarn beschreiben.

Albrecht Dürer der Ältere Agnes Frey Anton Koberger Willibald Pirckheimer Christoph I. Scheurl Sebald Schreyer Michael Wolgemut


Der Neu-Nürnberger: Albrecht Dürer der Ältere 

Albrecht Dürer der Ältere
Burgstraße 27: Wohnhaus von Albrecht Dürer dem Älteren; Foto: Stadtarchiv Nürnberg

Burgstraße 27
Aus einem kleinen Dorf in der ungarischen Puszta verschlug es den Goldschmied Albrecht Dürer den Älteren 1455 ins ferne Nürnberg. Wie so viele Tagelöhner, Handwerker und Kaufleute suchte er in der damals zweitgrößten Metropole des Heiligen Römischen Reichs sein Glück – und fand es: Nach der Hochzeit mit der schönen Barbara, der Tochter seines Meisters Hieronymus Holper, kam er 1475 an ein ansehnliches Haus in der Nürnberger Burgstraße. Dort baute er sich eine Werkstatt und ein Zuhause für seine große Familie auf. Und das mit großem Erfolg: Nicht nur seine Handwerksgenossen, auch die städtische Obrigkeit betrauten ihn mit verantwortungsvollen Ehrenämtern. Reiche Patrizier, die Pfarrei St. Sebald, ja sogar der deutsche Kaiser zählten zu seinen Auftraggebern. In nur wenigen Jahren war aus dem Einwanderer von einst ein geachteter Nürnberger Bürger geworden! Die Tradition seines angesehenen Handwerks, die Werkstatt und das Haus, all das sollte einst sein Sohn Albrecht übernehmen.Doch der rang ihm die Erlaubnis ab, Maler werden zu dürfen. Allerdings vergaß er nie, was er dem Vater zu verdanken hatte. Untröstlich stand der junge Albrecht 1502 am Sterbebett des alten Dürer, „den ich” – so berichtete er tiefbetrübt – „tot mit großen Schmerzen ansah, da ich nicht würdig gewesen bin, bei seinem Ende dabei zu sein.”


Die Ehefrau: Agnes Frey 

Agnes Frey
Obere Krämersgasse 10: Wohnhaus von Agnes Frey; Foto: Stadtarchiv Nürnberg

Obere Krämersgasse 10
„Mein agnes“ schrieb Albrecht Dürer unter das intime Bildnis, das er im Jahre seiner Hochzeit 1494 von seiner Frischangetrauten schuf. Noch viele Male sollte sie ihm Modell stehen. Mit Agnes Frey hatte Albrechts Vater für seinen Sohn eine exzellente Partie angebahnt: Denn die rund fünf Jahre jüngere Agnes war nicht nur die Tochter eines angesehenen und wohlhabenden Messingschmieds, sondern zudem durch ihre Mutter Anna mit dem Nürnberger Patriziat, den führenden Familien der Reichsstadt, verwandt. War die Hochzeit, wie seinerzeit üblich, auch von den Eltern arrangiert, so heiratete der junge Maler doch keine Unbekannte: Immerhin waren Albrecht und seine Agnes kaum einen Steinwurf voneinander entfernt aufgewachsen und kannten sich gewiss von Kindesbeinen an. In Agnes fand der aufstrebende Künstler nicht nur eine Ehepartnerin, sondern auch eine geschäftstüchtige „Managerin“, die mit Auftraggebern verhandelte, die Gesellen in der Werkstatt beaufsichtigte und auf dem Markt Druckgrafiken feilbot. 1520/1521 reisten beide gemeinsam in die Niederlande. Dass Agnes eine „schwarze Witwe“ gewesen sei, die ihrem gutmütigen Gatten das „Herz angenagt und dermaßen gepeinigt hat, dass er sich umso schneller von hinnen gemacht hat“, ist indessen wohl nichts weiter als die böswillige Unterstellung des alternden, durch den Tod seiner Tochter und seines Freundes Albrecht tief verbitterten Willibald Pirckheimer.


Der Pate: Anton Koberger 

Anton Koberger
Burgstraße 3: Wohnhaus von Anton Koberger; Foto: Stadtarchiv Nürnberg

Burgstraße 3
Fleiß, Risikobereitschaft und nicht zuletzt ein ausgezeichneter unternehmerischer Spürsinn – das waren die Eigenschaften, denen Anton Koberger seinen kometenhaften Aufstieg verdankte. Der Sohn eines Bäckers vertauschte die Backform mit der Bleiletter und arbeitete sich so zu einem der erfolgreichsten Verleger und Buchhändler seiner Zeit empor. Auch wenn sein bedeutendstes Druckwerk, die Schedelsche Weltchronik, ein Ladenhüter blieb, ist er weit mehr noch als die durchaus nicht wenigen Start-Up-Unternehmer des spätmittelalterlichen Nürnberg der Inbegriff des ökonomischen und sozialen Aufsteigers. 1471 hob Koberger den kleinen Dürer in St. Sebald aus der Taufe. Und auch später sollte der wohlwollende Pate einen großen Einfluss auf Albrecht ausüben. Wahrscheinlich war nicht zuletzt er es, der dem jungen Künstler den Wert unternehmerischer Kompetenz und die lukrative Vermarktung von Druckerzeugnissen nahebrachte, die einst die Basis für dessen Wohlstand und europaweite Bekanntheit bilden sollten.


Der „Spezl”: Willibald Pirckheimer 

Willibald Pirckheimer
Hauptmarkt 19: Wohnhaus von Willibald Pirckheimer; Foto: Stadtarchiv Nürnberg

Hauptmarkt 19
Willibald Pirckheimer, im wahrsten Wortsinn ein Schwergewicht des Kulturlebens in Nürnberg um 1500, nannte Albrecht Dürer „der pesten freund eynen, so ich auf erdreych gehabt hab“. Obwohl Dürer seine ersten Lebensjahre im Hinterhaus der Pirckheimer verbrachte, lernten sich die beiden fast Gleichaltrigen wahrscheinlich erst um 1495 kennen, als Willibald, dessen Vater als fürstlicher Berater häufig umziehen musste, sich dauerhaft an der Pegnitz niederließ. Die enge und ungleiche Freundschaft zwischen dem auch politisch einflussreichen Patrizier und Diplomaten Pirckheimer und dem einfachen Handwerker Dürer schlug sich in mehreren gemeinsamen Projekten und zahlreichen, teils äußerst zotigen Briefen nieder. Sie war aber nicht nur das Produkt gegenseitiger Sympathie. Beide verbanden mit ihrer Bekanntschaft auch persönliche Interessen: Für Dürer bedeutete sie eine Chance für sozialen Aufstieg und wertvolle Kontakte in die kunstsinnige und solvente Nürnberger Oberschicht. Im Gegenzug konnte sich Pirckheimer als großzügiger intellektueller Patron im Ruhm seines Künstlerfreundes sonnen.


Der Spekulant: Christoph I. Scheurl 

Christoph Scheurl
Burgstraße 10: Wohnhaus von Christoph I. Scheurl; Foto: Stadtarchiv Nürnberg

Burgstraße 10
Als Kaufmann und Spekulant erwarb Scheurl großes Vermögen und Ansehen. Selbst König Maximilian war in seinem Haus zu Gast. Doch Schuldner und Betrüger ruinierten sein Unternehmen. Seine zornigen Forderungen nach Auslieferung der Delinquenten brachten ihn gar in Konfl ikt mit dem Rat, der Scheurl foltern ließ, bis er sein Begehren aufgab. Der Vorfall dürfte die Einstellung des jungen Dürer zu fi nanziellem Erfolg und dessen Fragilität stark beeinfl usst haben. Immerhin zählten Scheurls Söhne zu Dürers Freundeskreis.


Der Kunstfreund: Sebald Schreyer 

Sebald Schreyer
Burgstraße 9: Wohnhaus von Sebald Schreyer; Foto: Stadtarchiv Nürnberg

Burgstraße 9
Was wäre die Kunst ohne Mäzene? Ursprünglich Pelzhändler, finanzierte Sebald Schreyer seinen extravaganten Lebensstil aus lukrativen Bergwerksbeteiligungen und den Einnahmen aus zahlreichen Nürnberger Mietshäusern. Während sein Kapital für ihn arbeitete, konnte er sich seinen Leidenschaften, dem Literaturgenuss und der Kunstförderung widmen. Größen des Humanismus wie Hieronymus Münzer, Peter Danhauser und den Dichterfürsten Konrad Celtis empfing er in der „Vorderstube“ seines Anwesens. In gediegener Atmosphäre philosophierte man dort, umgeben von Büchern und allegorischen Wandmalereien, auf bequemen „faul- und lotterbettlein“ über Gott und die Welt. Als Pfleger der Sebalduskirche gehörte Schreyer zu den Stammkunden von Dürers Vater, der für ihn beschädigtes liturgisches Gerät reparierte oder neu anfertigte. Nicht nur kostspielige Stiftungen wie das Schreyer-Landauer-Epitaph und das Sebaldusgrab, sondern auch ehrgeizige Buchprojekten wie die „Schedelsche Weltchronik“ und die von seinem Freund Celtis verfasste „Norimberga“ gehen auf seine Initiative zurück. Durch sie versuchte der einflussreiche Kaufmann die die kulturelle und politische Spitzenstellung Nürnbergs im Heiligen Römischen Reich zu untermauern. Auch den jungen Dürer nahm Schreyer für sein „Nürnberg-Marketing“ in Beschlag, als er den ihn 1501 eine Neuauflage der „Ode an den Stadtpatron St. Sebald“ entwerfen ließ. Diese sollte, als Holzschnitt tausendfach vervielfältigt, den Namen des Heiligen und seiner Stadt in die Welt hinaustragen.


Der Lehrmeister: Michael Wolgemut 

Michael Wolgemut
Burgstraße 21: Wohnhaus von Michael Wolgemut; Foto: Stadtarchiv Nürnberg

Burgstraße 21
Wolgemut war Dürers Lehrmeister und zugleich ein alter Bekannter: Schon vor Antritt seiner Lehre 1486 hatte der kleine Albrecht in Wolgemuts Haus die "Dame mit dem Falken" gezeichnet. Neben kirchlicher Malerei und Portraits reicher Kunden entstanden in seiner Werkstatt die Illustrationen der "Schedelschen Weltchronik", die sein Nachbar Sebald Schreyer bei ihm in Auftrag gegeben hatte. Von Wolgemut lernte der junge Dürer nicht nur zu malen, sondern auch, wie man seine Kunst optimal vermarktet.

 

© Alle Illustrationen: Tina Berning